Riesling-Sylvaner


 

Wer in der Ostschweiz auf Weinpfaden lustwandelt, begegnet ihm auf Schritt und Tritt: dem Riesling x Sylvaner oder Müller-Thur­gau, der wichtigsten weissen Traube der deutschsprachigen Schweiz. Als so genannte Bouquetsorte ist sie von der Natur mit ei­nem grossen Aromapotenzial ausgestattet und bringt je nach Standort unterschiedlichste Weine hervor. Die Aromen reichen von delikat-blumig über kräuterartig und intensiv fruchtig bis zu würzig (Muskat) oder mineralisch. Liebhaber schätzen zudem die beschwingte, unbeschwerte Art des Riesling x Sylvaner, seine dezente Spritzigkeit, die Frische, den leichten und wohlpro­portionierten Körper.

Sah es bis vor wenigen Jahren so aus, als hätten die Weinkonsumenten die Traube als altmodisch oder unpopulär abgeschrieben, so zeichnet sich seit kurzem ein Comeback ab. Die Anbauflächen wurden um einiges reduziert, dafür arbeiten die Weinbauern mit umso besseren Keltermethoden. Etliche haben zudem begonnen, das Potenzial der Sorte für Schaumwein, Spätlese, Assemblagen, Barrique- oder Dessertweine zu nutzen. Die Rebe wurzelt jedoch nicht nur in der Deutschschweiz. Vereinzelt wuchst sie auch in der Romandie (zum Beispiel in Genf), vor allem aber in Süddeutschland, wo sie als Müller-Thurgau bedeutende Teile der Rebfläche bedeckt. Ausserdem findet man sie in Osterreich und Osteuropa sowie in geringem Ausmass in Südtirol und im Trentino. Die beträchtliche Ausbreitung in unseren Breitengraden verdankt der Riesling x Sylvaner seiner Unkompliziertheit im Anbau und den recht geringen Standortansprüchen. Allerdings sollte der Winzer der Ertragsregulierung sowie dem Erntezeitpunkt viel Aufmerksamkeit schenken, da Weine aus übermässig reichen Ernten oder aus knapp reifem Traubengut allzu schlank, flach oder grün und gesichtslos geraten.

 
Unter falschem Namen

Weinfreunde wissen heute, dass die Weinbezeichnung Riesling x Sylvaner eine Art Phantasiename ist. Ende des vorletzten Jahrhunderts führte der Thurgauer Professor Hermann Müller als Leiter der deutschen Lehr- und Forschungsanstalt Geisenheim zahlreiche Rebenkreuzungen durch. Nach seiner Rückkehr in die Schweiz liess er sich einige seiner Sämlinge nachschicken. Die Selektion des Sämlings Nr. 58, hinter dem Müller als Elternpflan­zen Riesling und Sylvaner vermutete, führte schliesslich zum Riesling x Sylvaner (der in Deutschland Müller-Thurgau heisst). Erst 1998 gelang es einem österreichischen Forscher mittels gentechnischer Untersuchung zu beweisen, dass man sich im Vater getäuscht hatte: Statt Sylvaner ist die mit dem Chasselas ver­wandte Sorte Madeleine royale Teil der Kreuzung.

                                             aus Vinum extra 

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